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Wie lange wird es den Feuersalamander noch in der Eifel geben? [Foto: Stephan Bürger]

Lurchi in Gefahr

Eifel: 2014 atmeten Professor Stefan Lötters und seine Mitarbeiter von der Universität Trier noch auf. Gemeinsam mit Biologen der Biostationen Düren und StädteRegion Aachen haben sie Hautabstriche von Schwanzlurchen in der Nordeifel wie dem Feuersalamander (Salamandra salamandra) mit seiner charakteristischen Gelbfärbung auf schwarzem Grund und den Molchen der vier hier lebenden Arten genommen. Anschließend untersuchten sie im Labor auf DNA-Spuren des Pilzes Bsal, die Abkürzung für Batrachochytrium salamandrivorans, zu deutsch der „Salamanderfresser“. Damals waren die Ergebnisse noch negativ, die Tiere waren nicht mit Bsal infiziert. Die Auswertung nach der nächsten Probenentnahme ein Jahr später ergab ein anderes Bild: Der Pilz hatte die Haut einiger getesteten Tiere befallen. Was war geschehen? „Der Pilz hat sich wie eine Linie entlang der deutschen Grenze von den Niederlanden nach Belgien ausgebreitet und schließlich auch die Tiere auf deutscher Seite infiziert“, sagt Biogeograph Lötters. Bis dato ist nur die Nord-, nicht aber die Südeifel betroffen.

Dabei war dieser hoch infektiöse parasitische Amphibienhautpilz bis vor Kurzem unbekannt in Europa. Da das hügelige Südlimburg dem Feuersalamander den einzigen natürlichen Lebensraum in den Niederlanden bietet, wird er dort seit vielen Jahren intensiv von Forschern beobachtet. So bekamen sie zeitig mit, dass die dortige Population am Zusammenbrechen war. Von 2010 bis 2013 ging sie um 96 Prozent zurück. Dass ein bis dahin der Wissenschaft völlig unbekannter Pilz Todesbote war, entdeckten Wissenschaftler der belgischen Universität Gent. Sie sind auf Amphibienpathogene spezialisiert. Die Spurensuche begann: Woher kam der Pilz? Welche anderen Gebiete sind betroffen?

Normalerweise schützt ein Hautgift die feuchte Haut des Salamanders vor Krankheitserregern. [Foto: Stephan Bürger]

Weltweite Untersuchungen in 2013 und 2014 ergaben, dass neben den Niederlanden nur asiatische Lurche Bsal positiv waren. 2014 kamen in Europa zwei Bsal positive Stellen im belgischen Eupen und Robertville dazu. Auch hier gab es ein Massensterben der Salamander. Neben den Nachweisen des Pilzes in der asiatischen Natur fanden die Forscher ihn in präparierten asiatischen Molchen alter wissenschaftlicher Museumssammlungen Europas. „Bsal ist vermutlich mehrere Hunderttausend oder Millionen Jahre alt. Asiatische Molche erkranken nicht durch ihn oder wenn nur leicht, und sie werden wieder gesund“, so Lötters. Als gegenwärtige Verbreitungsquelle für Bsal werden daher importierte Schwanzlurche aus Ostasien vermutet, die sich im Laufe einer langen Evolution an den Pilz angepasst haben.

Anders dagegen Laborversuche mit Salamandern und Molchen aus Europa und Nordamerika: Mit Bsal infizierte Tiere sterben meist. Für Froschlurche ist eine Infektion im Experiment nicht tödlich. Ob Bsal für die heimischen Molche auch im Freiland so gefährlich ist wie für den Feuersalamander, sei unklar, erklärt Lötters. Bisher wurden keine Massensterben beobachtet. „Die Durchseuchungsrate mit Bsal scheint bei den Molchpopulationen niedrig zu sein. Und wenn sich einzelne Tiere mit nur wenigen Erregern infizieren, können sie sogar wieder gesunden.“ Zum Problem werden diese Molche für den Feuersalamander dennoch, weil sie den Pilz über lange Zeit in sich tragen und damit den Feuersalamander anstecken können.

Aber auch beim Feuersalamander gebe es trotz der massiven Zusammenbrüche der Population zirka zwei Prozent Überlebende. Lötters nennt sie die „lucky survivors“. Was aus ihnen werde, müsse man abwarten. Vielleicht bilden sie eines Tages Resistenzen aus? Inzwischen ist Bsal in der Eifel von knapp 20 Standorten bekannt. Wie viele Molche und Feuersalamander bei uns bereits infiziert sind, kann Lötters jedoch nicht beantworten. Was die Amphibien letztlich umbringt, ist ebenfalls noch unklar. Möglicherweise führt nicht der Hautpilz zu seinem Tod, sondern Zweitinfektionen mit Bakterien, denen der „Salamanderfresser“ die Tür öffnet, indem er die feuchte, normalerweise über ein Gift geschützte Haut löchrig frisst. Diese Bakterien sind es wahrscheinlich dann auch, die der Salamander mit ins Labor bringt und die ihn nach der Laborinfektion mit Bsal töten. „Wir glauben, dass der Pilz selbst dem Salamander gar nicht so viel ausmacht. Würden wir ihn aus der Natur nehmen und seine Haut behandeln, würde er leicht wieder gesund werden“, so Lötters.

Vieles wissen die Forscher derzeit noch nicht: Was passiert in welchem Umfang? Wie breitet sich der Pilz bei uns aus? Denn, durchaus erschreckend für die Forscher, werden seit 2017 auch in Essen, weitab vom „Bsal-Herd Eifel“, infizierte Salamander nachgewiesen. Ungeklärt ist auch, wie lange der Pilz samt seiner Sporen in der Natur überlebt, wenn die meisten Salamander schon gestorben sind. Vermutlich, solange Molche ihm ein Reservoir bieten.

Forscher nehmen Hautabstriche vom Feuersalamander. [Foto: Miguel Vences]

Um mehr Informationen zu erhalten, wird die Ausbreitung von Bsal in Deutschland seit Januar in einem Verbundprojekt der Universitäten Trier und Braunschweig sowie der Biologischen Stationen der StädteRegion Aachen und des Kreises Düren erforscht. Larven und ausgewachsene Tiere von bereits mit Bsal infizierten wie auch bisher Bsal freien Salamandern und Molchen werden detailliert überwacht und deren Bestandsentwicklung beobachtet. Das Bundesamt für Naturschutz fördert das gemeinsame Vorhaben. Die Forschungsarbeit ist wichtig. Denn nur so können auch Maßnahmen entwickelt werden, um zu verhindern, dass sich der Pilz weiter ausbreitet und andere Salamander- und Molcharten infiziert. Ein EU-Durchführungsbeschluss vom Februar regelt erstmals den Import von Schwanzlurchen, um eine weitere Einschleppung von Bsal in die Natur und in Terrarienanlagen zu verhindern. Der Beschluss beinhaltet etwa eine sechswöchige Quarantäne oder eine molekulargenetische Untersuchung auf Bsal. Er bezieht sich allerdings nur auf den Handel, nicht auf Privatpersonen.

Nach Angabe von Lötters gibt es derzeit noch sehr viele Populationen mit tausenden Molchen beziehungsweise Salamandern in der Eifel. Die Amphibien sind insgesamt wichtig, weil sie mithelfen, die Ökosysteme im Gleichgewicht zu halten: Als Fleischfresser fressen sie etwa kleine Gliedertiere, darunter auch sogenannte Schädlinge. Sollte sich herausstellen, dass etwa Wanderer den Pilz unwissentlich nach Essen verschleppt haben, was durchaus denkbar ist, wäre eine Öffentlichkeitsmaßnahme, Waldbesucher darauf aufmerksam zu machen, ihre Schuhe zu reinigen und auf den Wegen zu bleiben. Schon heute fordern Amphibienliebhaber derartige Hinweisschilder in der Nähe von Lurchgebieten.

Kann die Bsal-Seuche nicht aufgehalten werden und stehen die Populationen vor dem Aus, bleibt den Wissenschaftlern einzig die Erhaltungszucht in menschlicher Obhut für eine spätere Wiederansiedlung. Einen Impfstoff gegen Bsal zu entwickeln, ist laut Lötters vermutlich zu kostspielig. Eine Entnahme von Salamandern zur Behandlung des Hautpilzes mache keinen Sinn, da sich die Tiere in der Natur wieder ansteckten. Batrachochytrium salamandrivorans ist nicht der erste Chytridpilz, der zu einem Amphibiensterben führt. Seit den 1980er Jahren wird ein naher Verwandter, Batrachochytrium dendrobatidis, als Auslöser für den Rückgang der Amphibien vor allem in den Tropen diskutiert.  Wer ein totes Tier findet, kontaktiere bitte die zuständige Biostation.

4.5.2018NaturEifel0 Kommentare js

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