Umland: Prolog zu einer wahren Begegnung
Ein Journalist macht sich in Hamburg auf den Weg und besteigt den IC nach Frankfurt. Er will zum Musik-Festival „Spannungen“ in der Eifel, bei dem es in diesem Jahr besonders viele russische Kompositionen zu hören gibt. Ein weiterer Mann, gebürtiger Russe, setzt sich in Hamburg in denselben Zug, um seine Eltern in Dortmund zu besuchen. Beide befinden sich im selben Großraum-Abteil, getrennt durch einige Sitzreihen, aber sie wissen nichts voneinander. Nach einiger Zeit ruft der Russe einen befreundeten Landsmann in Moskau an, weil er an seinem Platz etwas gefunden hat, was mit dem Mann in Russland zu tun hat. Dieser wiederum ruft seine Agentin, eine gebürtige Russin, in Berlin an. Wie es der Zufall will, kennt sie den Deutschen im Zug. Es bahnt sich eine unerwartete Vierecks-Geschichte an, was die Beteiligten noch nicht ahnen.
Wenn einer eine Reise macht…
Der IC auf dem Weg nach Frankfurt bremst kurz vor dem Bahnhof von Bremen. Da geht ein kurzer Ruck durch den Wagen, verbunden mit einem lauten Rums unter dem Waggon. Danach ein vernehmliches Schlagen, als ob ein Radreifen bei jeder Umdrehung an einer flachen Stelle des Rades aufschlägt. Ulrich, der Journalist überlegt, ob das Geräusch auf einen größeren Schaden hinweisen könnte. Schließlich hat er in der Studentenzeit als Schlafwagenschaffner Erfahrungen mit Eisenbahnwaggons gesammelt. In Bremen weist er den Zugführer auf die Geräusche hin, nicht ohne an das schwere Zugunglück von Eschede mit über einhundert Toten vor genau zwanzig Jahren zu erinnern. Damals hatte ein defekter Radreifen den Zug entgleisen lassen. Tatsächlich bleibt der Zug bei der nächsten Haltestelle in Osnabrück etwas länger stehen. Der Zugführer erklärt per Durchsage, es gehe um eine technische Überprüfung. Nach 25 Minuten nimmt der Zug wieder seine Fahrt auf.
Gänzlich unerwartet erhält Ulrich einen Anruf aus Berlin. Am anderen Ende ist Tatjana, die Agentin russischer Künstler. Man kennt sich seit vielen Jahren durch das Kammermusikfestival „Spannungen“, bei dem man sich wieder sehen wird. Ziemlich aufgeregt fragt sie, ob er Notizen vermisse zu einem Interview mit einem russischen Komponisten, den er auf dem Festival treffen will. Etwas entgeistert sagt Ulrich, er vermisse nichts, ist aber mehr als erstaunt über die Frage. Wenig später ein zweiter Anruf aus Berlin: „Uli, ich habe Bilder aus Moskau von einer Computertasche geschickt bekommen, die auch einen Hausschlüssel zeigt. Schau mal in dein WhatsApp“. Was der Reporter aus Hamburg sieht, lässt seinen Atem stocken. Ja, das ist seine Tasche und ist sein Hausschlüssel! Wie kann das sein? Woher kommen diese Bilder?Da dämmert ihm: Er hat beim Einsteigen seine Computertasche einige Sitzreihen weiter abgestellt. Aber wegen des Zwischenfalls mit den Zuggeräuschen hatte er sein Laptop vorrübergehend aus den Augen verloren und sich einige Reihen entfernt niedergelassen. „Oh Gott, was ist mit dem PC und den Manuskripten, wo sind die jetzt? Die etwas chaotischen Informationen aus Berlin klingen so, als ob sich alles sich schon in einem anderen Zug befinden könnte“. Unschöne Vorstellungen gehen Ulrich durch den Kopf. Er befürchtet das Schlimmste und hofft doch auf ein gnädiges Glück. Die Sachen müssten da sein, wenn, ja wenn sie nicht geklaut sind…
„Ende gut alles gut“, sagt Sergej, der Moskauer
Tatjanas WhatsApp enthält die Mobilnummer des Finders. Die Rettung scheint möglich. Es meldet sich eine sympathische Stimme: „Ich sitze hier im Zug, Wagen 9, das muss ganz nah sein!“ Ist es auch. Die beiden Zugnachbarn begegnen sich: Ulrich und der unbekannte Russe Wanja. Ein lächelnder Brillenträger in den frühen Dreißigern hält die vermisste Computertasche hoch und erzählt eine seltsame Geschichte in makellosem Deutsch: „Ich dachte mir, ein Zug-Gast könnte die Tasche vergessen haben und ausgestiegen sein. Hätte mir auch passieren können, also habe ich reingeschaut. Ich fand Hinweise auf ein Gespräch mit meinem Freund Sergej, der mal in Berlin, mal in Moskau ist. Das alles ist schon sehr erstaunlich. Ich habe also Sergej angerufen und ihn in Moskau erreicht. Der erinnerte sich an ein Interview mit Ihnen. Sergej hat daraufhin seine Berliner Agentin gefragt und so hat sich der Kreis wohl geschlossen.“
Wanja immer noch erstaunt: „
Also, ich glaube ja nicht an so etwas wie Fügungen oder gar Wunder, aber hier wundere ich mich doch“.
Die Beiden können die Geschichte ihrer Zusammenkunft humorvoll Revue passieren lassen und nehmen zufrieden Abschied, weil man sich in Hamburg wiedersehen kann. Ulrich wird dem russischen Komponisten, den er nur aus Telefonaten kennt, beim Festival begegnen. Dort wird Sergejs neueste Komposition uraufgeführt. Ulrich „verdankt“ seiner Unachtsamkeit eine erstaunliche Begegnung mit glücklichem Ausgang. [ugs]
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