"Viele kleine Dinge wurden durch die richtige Art von Werbung groß gemacht."

Mark Twain
EIFELON weiterempfehlen

Wir informieren die Eifel

unabhängig. überparteilich. unbezahlbar.

neue Kommentare
0
Vor 88 Jahren umlagerten Schaulustige den in Roetgen entgleisten Zug. [Foto: HeuGeVe]

Die Vergangenheit vor dem Vergessen retten

Roetgen: „Am Anfang waren wir skeptisch, ob wir das jeden Monat stemmen können“, räumt Rolf Wilden ein, doch mittlerweile haben sich die „Roetgener Blätter“, die monatliche Publikation des Heimat- und Geschichtsvereins, als feste Informationsquelle etabliert. In feuilletonistischem Erzählstil bereiten die ehrenamtlichen Forscher die Geschichte ihres Ortes auf: Sie sammeln, archivieren und halten so die Erinnerung an alte Zeiten auch für jüngere Generationen wach.

rolf_wilden

Rolf Wilden ist Geschäftsführer des Vereins. [Foto: privat]

„Wir haben drei Verteiler, um unsere Publikation unters Volk zu bringen“, schildert Wilden, der Geschäftsführer des rührigen Vereins. Über ihre Internetseite (www.heugeve-roetgen.de) und per monatlichem elektronischen Rundbrief erreichen sie Leser in der ganzen Welt: „Viele Roetgener, die beispielsweise nach Kanada oder Neuseeland ausgewandert sind, wollen weiterhin Kontakt zu ihrer alten Heimat halten.“ Für die ältere Generation vor Ort gibt es eine gedruckte Variante. „Wir drucken monatlich 150 Exemplare der ‚Roetgener Blätter‘ aus. Das machen wir noch alles selber.“ Die Vereinsmitglieder stiften das nötige Papier und mit einem Verkaufspreis von 1,50 Euro lassen sich die Kosten gerade decken.

Obwohl der Verein erst 2005 gegründet wurde, verfügt er schon über mehr als 10.000 Fotografien und Bilder. „Und alle sind beschriftet“, betont der 75-Jährige – nicht ohne einen Hauch Stolz in der Stimme. „Manchmal bekommen wir aus einem Nachlass jede Menge Fotoalben, wissen aber oft nicht, wer auf den alten Fotos zu sehen ist.“ Dann gehen die Hobby-Historiker mit ihren Schätzen in die umliegenden Altenheime. „Der absolute Clou sind momentan die ‚Klassenbilder‘.“ Sollte ein Name der abgebildeten Pennäler fehlen, wird die Bevölkerung in den „Roetgener Blättern“ um Mithilfe gebeten. „Neulich kam ein 92-Jähriger vorbei und hat innerhalb von zehn Minuten alle Kinder auf dem Bild mit Namen benannt. Er wusste sogar noch, wer in dem Schuljahr neben wem gesessen hat.“

schmiddem_haus_roetgen

Trotz heftigen Protesten aus der Bevölkerung wurde das Schmiddem-Haus abgerissen. [Foto: HeuGeVe]

Langfristig gesehen will der aktive Heimat- und Geschichtsverein ein eigenes Haus erwerben. „Erste Gespräche mit der Bank sind bereits gelaufen. Aber erst müssen wir ein bisschen Geld zusammenhaben, sonst brauchen wir gar nicht anfangen.“ Auf EIFELON-Nachfrage nennt er eine Summe von 50.000 bis 100.000 Euro. Ziel des Vereins ist es auch, mit dem Erwerb einer eigenen historischen Immobilie die Zerstörung weiterer, für Roetgen charakteristischer Bauten zu verhindern. „Mit unserem vehementen Widerstand gegen den Abriss des Schmiddem-Hauses haben wir viel Staub aufgewirbelt. Verhindern konnten wir es trotzdem nicht“, bedauert er zutiefst. Durch den massiven Protest des Heimat- und Geschichtsvereins wurden viele Bürger aufmerksam und sind daraufhin Mitglied im „HeuGeVe“ geworden. „Die Mitgliederzahl hat sich verdoppelt! Gerade die neu Zugezogenen im Alter von circa 40 Jahren haben Sorge um ihre frisch erworbene Heimat und wollen den urigen Charakter von Roetgen retten.“

Bislang lagern die geschichtlichen Archivalien in Privathäusern, die größeren Objekte in Kellern und auf den Dachböden der Vereinsmitglieder. „Wir brauchen dringend Platz für unser Dorfarchiv“, sagt Rolf Wilden mit Nachdruck. „Neulich wurde uns eine komplett eingerichtete Schusterwerkstatt angeboten“, erzählt der 75-Jährige. „Aus Platzgründen mussten wir leider absagen.“ Einige ihrer geschichtsträchtigen Sammelstücke sind zurzeit als Leihgabe im Lammersdorfer Bauernmuseum zu sehen. Eine Übergangslösung könnten Räume in den Grenzlandhallen werden. „Gerade wird ein Trägerverein gegründet und eine Satzung ausgearbeitet. Ausreichend Platz wäre da, aber noch steht nicht fest, wie hoch die Kosten für unseren Verein wären.“

Während des Gesprächs mit EIFELON ratterte im Hintergrund übrigens unermüdlich der Drucker für die wirklich lesenswerte August-Ausgabe der „Roetgener Blätter“. Hier kurzer Einblick in den Artikel von Franz Wilhelm Hermanns über ein spektakuläres Eisenbahnunglück am 14. Juli 1928, als durch Roetgen noch die Dampflok stampfte.

heugeve_zugunglueck_roetgen_1928_-3

Nach dem Unglück klaubte die Roetgener Bevölkerung die Koksladung von den Schienen. [Foto: HeuGeVe]

An dem Sommertag vor 88 Jahren sollte ein Güterzug mit 32 voll beladenen Koks-Waggons in den Roetgener Bahnhof einfahren. Wegen der vorherigen Steigung wurde die Zugmaschine von einer schiebenden Dampflok unterstützt. Als die vordere Lok entgleiste, wurden die Kohleanhänger zusamengeschoben. Geistesgegenwärtig konnte sich der Heizer der entgleisten Lok mit einem beherzten Sprung vom Tender in Sicherheit bringen:

Die ersten sechs Loren des 32 Wagen langen Zuges sind vollständig zerstört. Die Eisenbahnschienen wurden von der Wucht des Aufpralls zusammengezogen, als wären sie leichter Draht. Die Lokomotive hat sich mit den Vorderrädern tief in das weiche Erdreich der Böschung hineingegraben. Fleißige Hände sind eifrig an der Arbeit, das Werk der Zerstörung wieder zu beseitigen. Von Lüttich ist ein Drehkran gekommen. Der versucht nun, die Wagen wieder auseinanderzureißen, nachdem eine Lokomotive ihre Bemühungen aufgeben musste, weil die Drahtseile, an die die umgeworfenen Wagen befestigt waren, immer wieder abrissen. Inspektor Trimmond aus Malmedy leitet die Aufräumungsarbeiten. Aus Lüttich ist eine Kommission eingetroffen, und aus Herbesthal kam ein Gerätewagen zur Hilfe herbeigeeilt. Der Koks liegt weit verstreut über die Gleise. („Echo der Gegenwart“, 8. Juli 1928)

Weitere Recherchen des HeuGeVe ergaben, „dass der vom Zug transportierte Koks von der Roetgener Bevölkerung vollständig ‚eingesammelt‘ wurde“…

Die Mitglieder des Roetgener Heimat- und Geschichtsvereins treffen sich jeden zweiten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr. Im August dementsprechend am 10. August. Neuer Treffpunkt ist das Hotel „Zum Wolf“, Bundesstraße 2, früher bekannt unter „Genagelter Stein“. Interessierte Gäste sind willkommen. Wer die Arbeit des Vereins nicht nur ideell, sondern auch finanziell unterstützen will, kann  die Nummer des Spendenkontos beim Verein erfragen.
5.8.2016LebenRoetgen0 Kommentare bwp

Bisher 0 Kommentare
Kommentar schreiben

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Beitrag. Schreiben Sie den Ersten.

Einen neuen Kommentar schreiben

Um einen neuen Komentar zu schreiben, melden Sie sich bitte mit ihrem Benutzernamen und Passwort an. Wenn Sie noch keinen EIFELON-Account haben, können Sie sich kostenlos und unverbindlich registrieren.


  1. *Ihre eMail-Adresse wird nicht veröffentlicht
  2. Ein Passwort wird Ihnen an Ihre eMail-Adresse zugeschickt, Sie können es anschließend in Ihrem Benutzerberich leicht ändern.
  3. Den Button zur Registrierung finden Sie unter unserern folgenden Richtlinien:
Die Richtlinien für die Nutzung der EIFELON Diskussionsplattform
Die Benutzer bestätigen/akzeptieren mit ihrer Anmeldung unsere Richtlinien. Falls es im Nachhinein noch Änderungen an den Richtlinien gibt, werden die User beim nächsten Einloggen aufgefordert, die Richtlinien erneut zu bestätigen: Wir bieten Ihnen hier eine Plattform für sachliche und konstruktive Diskussionen. Um dies zu gewährleisten, behält sich die Redaktion vor, Kommentare nicht zu veröffentlichen, die einer sachlichen Diskussion nicht förderlich sind. Wir bitten Sie daher, durch die Einhaltung unserer Richtlinien zu einem freundlichen Gesprächsklima beizutragen.
1. Gegenseitiger Respekt
Bitte behandeln sie andere Nutzer so, wie Sie selbst behandelt werden möchten. Zeigen Sie Toleranz gegenüber anderen Meinungen und verzichten Sie auf persönliche Angriffe und Provokationen.
Selbstverständlich werden Kommentare, die ehrverletzend, beleidigend, rassistisch, pornografisch oder auf andere Weise strafbar sind, nicht freigeschaltet.
2. Wortwahl und Formulierung
Sachliche Argumentation ist die Basis für eine konstruktive Diskussionskultur. Nehmen Sie sich die Zeit, Ihren Kommentar vor dem Abschicken zu überprüfen. Habe ich den richtigen Ton getroffen? Könnten meine Formulierungen Missverständnisse hervorrufen?
3. Benutzernamen
Diese genannten Richtlinien gelten auch für die Verwendung von Benutzernamen.
4. Quellenangaben und Verlinkungen
Wenn Sie Zitate verwenden, verweisen Sie bitte auf die Quelle und erläutern Sie deren Bezug zum Thema.
5. Zeichenbegrenzung
Die Länge eines Kommentars ist auf 1000 Zeichen zu begrenzen, um eine Moderation in einem adäquaten Zeitrahmen zu gewährleisten. Mehrteilige Beiträge können daher leider nicht berücksichtigt werden.
Bitte sehen Sie davon ab, denselben oder einen sehr ähnlichen Kommentar mehrmals abzuschicken.
6. Werbung
Die Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Inhalte gewerblichen oder werbenden Charakters werden nicht freigeschaltet. Gleiches gilt für politische Aufrufe aller Art.
7. Sonstige Hinweise
Es besteht kein Anspruch auf Veröffentlichung eines Kommentars. Beiträge, die sich als falsch oder unwahr herausstellen, können auch im Nachhinein noch gelöscht werden. Sollten Sie auf Beiträge stoßen, die gegen die Richtlinien verstoßen, machen Sie die Moderation bitte darauf aufmerksam. Schicken Sie einfach den Link des betreffenden Kommentars mit einer kurzen Erläuterung an redaktion@eifelon.de. Bei wiederholten oder besonders schweren Verstößen gegen diese Richtlinien behalten wir uns einen Ausschluss einzelner User vor.


zurück zur Startseite