Mechernich, Kommern: Am Nachmittag des 28. März werden in ganz Kommern die Kirchenglocken läuten. Genau wie vor 60 Jahren, als der Landschaftsverband Rheinland (LVR) die Entscheidung traf, das von ihm geplante Freilichtmuseum in der Eifel zu errichten. Somit war der hartnäckige Konkurrent Krefeld endgültig aus dem Rennen…
„Der damalige Kommerner Gemeindedirektor hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, um den Zuschlag zu erhalten“, erzählt Pressesprecher Dr. Michael H. Faber im EIFELON-Gespräch. „In den Verhandlungen sicherte er damals zu, vom Dorfkern sowohl eine Wasser- als auch eine Telefonleitung auf den Kahlenbusch legen zu lassen. Zudem wollte er das Terrain einzäunen und stellte dem LVR-Team kostenlos einen leerstehenden Bauernhof zur Verfügung, den das Bauteam als Materiallager nutzen konnte.“ Dieses Entgegenkommen überzeugte. Am 28. März 1958 erhielt Kommern den Zuschlag.
Anlässlich des runden Jubiläums wird der beliebte „Jahrmarkt anno dazumal“, der zum 23. Mal stattfindet, um vier Tage verlängert. Auf dem Museumsgelände herrscht dann 13 statt neun Tage buntes Treiben mit Gauklern, Stelzenläufern, Seiltänzern, Feuerschluckern und nostalgischen Fahrgeräten. Wahrsager und Wanderfotografen, historischer Krammarkt, Puppentheater, Spiele und kunterbunte Schaubuden werden bei den großen und kleinen Besuchern für leuchtende Augen sorgen.
„Auch unsere museumseigene Schreinerei hat zwei neue Buden nach klassischem Vorbild gebaut, an denen alte Wurfspiele ausprobiert werden können.“ Es gibt außerdem Schnellzeichner und amüsante ‚Furzkonzerte’“. Aus Lübeck rollt erstmals – gezogen von einem Oldtimer-Schlepper – ein zum Varieté mit 35 Sitzplätzen umgebauter Zirkuswagen an. „Da das Vehikel nur 25 Stundenkilometer fahren darf, ist das Team vermutlich schon auf dem Weg in die Eifel.“ In dem plüschigen Kirmeswagen wird während des historischen Jahrmarkts die Travestie-Revue „Hertha Otilies Tingel-Tangel-Schau“ gezeigt. „Bereits zu Kaisers Zeiten wurden solche Shows aufgeführt“, erläutert Faber.
Absolutes Highlight wird vermutlich wieder die größte Hochseiltruppe Europas. 13 Artisten – die „Geschwister Weisheit“ aus Gotha – , werden mit täglich drei verschiedenen Darbietungen an drei Standorten auf dem Jahrmarktgelände für Nostalgie und Nervenkitzel sorgen. Neben ihrem historischen Seilprogramm, das artistische Klassiker des 19. Jahrhunderts wiederaufleben lässt, zeigen die Geschwister Weisheit in ihrer Hochseilshow in 12 Metern Höhe unter anderem sensationelle „Pyramiden“ auf Fahrrädern. In einer weiteren Vorstellung präsentieren sechs Artisten mit drei Motorrädern gleichzeitig auf Schrägseilen waghalsige Artistik. Den Höhepunkt werden Darbietungen auf dem mit 62 Metern höchsten mobilen Artistenmast der Gegenwart bilden. „Im Moment überlegen wir noch, ob ein Mitglied der Museumsleitung den Mut aufbringt und sich in schwindelnder Höhe mit einer Gondel über das Festgelände fahren lässt…“, verrät Faber. Die Hochseiltruppe Geschwister Weisheit wird weltweit gebucht und hat sich auf dem renommierten internationalen Circusfestival in Monte Carlo bereits einen Ehrenpreis eingehandelt.Inzwischen ist das Eifeler Freilichtmuseum mit etwas über 100 Hektar Fläche das größte in Deutschland. In fünf Baugruppen sind insgesamt 75 Häuser aus den unterschiedlichsten Epochen aufgebaut. „Vieles lagert noch in unsern Depots“, erklärt Faber. So zum Beispiel eine original eingerichtete Eisdiele und das nostalgische Interieur eines Friseursalons aus den 1960er Jahren. „Sobald wir passende Außenbauten gefunden haben, können wir auch diese erinnerungsträchtigen Geschäftslokale aufbauen. Zudem wartet eine Bartning-Notkirche darauf, auf dem Museumsgelände neu errichtet zu werden.“ Für die Flut der Flüchtlinge und Vertriebenen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in ganz Deutschland 43 solcher Notkirchen im Bauhaus-Stil des Architekten Otto Bartning in Betrieb genommen. Für eine, die im Kommerner Depot lagert, soll noch in diesem Jahr Richtfest auf dem Museumsgelände gefeiert werden. „Eröffnet wird sie dann aber erst 2019, wenn die Bauhaus-Bewegung ihr 100-Jähriges feiert“, ergänzt Faber.
„Von der ‚Schäl Sick‘, also der rechten Rheinseite, sind früher nur wenige Besucher angereist“, erzählt der stellvertretende Museumsleiter, doch nun sei der Bann gebrochen. Rund 200.000 Besucher kommen Jahr für Jahr ins Kommerner Freilichtmuseum, um auf den Spuren ihrer eigenen Vergangenheit zu wandeln. „Letztes Jahr konnten wir sogar 220.000 Besucher registrieren“, freut sich Faber über die positive Bilanz mit zehnprozentiger Steigerung. Eins hat sich die Museumsleitung fürs Jubiläumsjahr fest vorgenommen: „Alle Wege durch das Gelände werden komplett umgebaut, damit sie sowohl für Kinderwagen als auch für ältere Menschen bequem passierbar werden!“
Bonbon aus Anlass des 60-jährigen Bestehens des Freilichtmuseums: Das Billett des regulären Museumseintritts kann auf dem Jahrmarkt gegen eine freie Eintrittskarte für einen nochmaligen Besuch des Jahrmarkts oder einen späteren Museumsbesuch eingelöst werden. Am 5. April findet der traditionelle Familientag mit reduzierten Preisen an den Schaustellergeschäften und Imbissbuden statt.
Das Programm des „Jahrmarktes anno dazumal“ mit rund 30 Künstlern und etwa 90 Fahrgeschäften und Ständen ist im Internet abrufbar.
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