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Einige der mehr als 250 Besucher mussten stehen - es gab nicht genügend Sitzplätze

Vlatten läuft Sturm: Erfolgreiche Auf­takt­ver­an­stal­tung der neu gegründeten BI

Heimbach, Vlatten: Fünf riesige Windräder recken sich über das kleine Dorf und werfen ihre vorbei huschenden Schatten auf die Häuser. Das Bild ist nur eine Computeranimation auf der Bühne der Jugendhalle, aber es fesselt die Besucher zu Beginn einer ungewöhnlichen Veranstaltung: Vlatten läuft Sturm, eine erst vor einer Woche gegründete Bürgerinitiative (BI), hatte zu einem Informationsabend eingeladen. Bewohner von Vlatten, Berg, Blens, Bürvenich, Düttling, Eppenich, Heimbach, Hergarten und Wollersheim sowie einige Stadtverordnete und Benedikt Marx – in Vertretung des Bürgermeisters – waren gekommen, um Argumente gegen die Errichtung neuer Windräder in Vlatten zu hören.

Kreativer Protest: Die BI verteilte Ohrstöpsel

Es gab nicht genug Sitzplätze für die mehr als 250 Zuhörer, als die Vorsitzende und Stadträtin Ulla von Gagern und ihre Stellvertreterin Sabine Metzger den Abend eröffneten und das Rotorengebrumm verstummen ließen, das zum Auftakt der Veranstaltung ertönt war. „Noch können wir den Windradlärm abstellen!“, war auf einer Powerpointpräsentation zu lesen, während Christoph Pranter, der die BI mit dem Artikel „Der Anfang vom Ende eines uralten Dorfes?“ zum Leben erweckt hatte, das Eröffnungsreferat hielt.

„Wir wollen heute den Widerstand organisieren“, sagte er unumwunden und nannte den Hintergrund: Der Windpark Vlatten soll repowert werden. Das heißt: Anstelle der bisher vorhandenen acht niedrigen Anlagen will die „Wind Repowering GmbH & Co. KG“ aus Erkelenz fünf wesentlich stärkere Windräder am gleichen Standort errichten. Die bis zu 135 Meter hohen Windräder mit 1.500 kw sollen abgerissen und 200 Meter große Geräte von 4.500 kw neu gebaut werden. Geplant sind völlig neu konstruierte Anlagen mit einer Flügelspannweite von 150 Metern. Praktische Erfahrungen mit diesem Typ gibt es bisher nicht. Vlatten könnte zu einem Versuchsfeld werden. Mithilfe von Karten zeigte Pranter die möglichen Beeinträchtigungen durch Schall- und Schattenwurf und benannte die Schädigung einer uralten Kultur- und Naturlandschaft durch riesige Industrieanlagen.

Nicht zuletzt übte er Kritik an der Windkraft als Wegweiser der Energiewende: Der massive Windradausbau in den Jahren 2000 bis 2016 habe keine nennenswerte CO2-Einsparung gebracht. Und: An windarmen Tagen sei gar keine Energie zu erwarten, an windreichen müsse der Strom ans Ausland verschenkt werden, denn der Strom sei nicht speicherbar.

Rechtsanwalt Justus Peters berät die BI juristisch

Praktische Tipps, den Widerstand zu organisieren, gab Rechtsanwalt Justus Peters, der einst als Kreisrechtsdirektor für den Kreis Düren gearbeitet hat, und heute Bürgerinitiativen gegen Windanlagen juristischen Beistand gibt. „Die Stadt Heimbach muss keine Genehmigung zum Repowering geben“, sagte er. „Das ist eine politische Entscheidung, zumal es einen gültigen Flächennutzungsplan gibt, nach dem die Räder nur in Ausnahmefällen höher als 75 Meter sein dürfen.“ Der Bürger habe ein Recht auf Emissionsschutz. Dieser sei aber im Vorfeld oft schlecht durchsetzbar, weil die von den Betreibern beauftragten Gutachter ihre Analysen gerne schönfärbten.

Peters riet den Zuhörern, ihren Protest an den Landrat, den Bürgermeister und die Stadtverordneten zu richten und er bot sich an, der BI bei der Formulierung der Einsprüche Hilfestellung zu leisten.

Den schwierigsten Part hatte Peter P. Jaeger übernommen, der über Infraschall referierte und sich selbst als Betroffenen vorstellte. Er wagte sich damit an die Beschreibung von Tonbereichen, die das menschliche Ohr nicht mehr wahrnehmen kann, denn Töne sind nur in bestimmten Gebieten des Spektrums von tief bis hoch zu erkennen. Oberhalb dieses Bereichs liegt der Ultraschall, unterhalb der tiefsten Töne, die wir noch hören können, der Infraschall.

Da Jaeger selbst gesundheitliche Beeinträchtigungen erfahren hat, die nach seiner Überzeugung auf die zahlreichen Windräder um seinen Wohnort Kreuzau zurückzuführen sind, hat er die „Deutsche Schutzgemeinschaft Schall für Mensch und Tier e.V.“ gegründet. Die Vereinigung will Hilfe zur Selbsthilfe geben, denn oftmals fühlen sich die Betroffenen völlig allein gelassen, weil kein Arzt den vermuteten Grund ihrer Beschwerden ernst nimmt und im schlimmsten Fall den Rat gibt, einen Psychiater aufzusuchen.

Als letzte Referenten betraten Martin und Sebastian Kleppe die Bühne, die mit ihrer Bürgerinitiative „Sturm im Wald“ in der Vulkaneifel erfolgreich waren. Auch sie gaben mit viel Enthusiasmus Tipps, wie der Widerstand gegen den Bau der riesigen Anlagen zum Erfolg führen könnte: „Planen Sie Aktionen, besuchen Sie die Sprechstunden der Politiker, hängen Sie Plakate auf, legen Sie Flyer aus“, sagten sie. „Üben Sie in jeder Form Druck aus, aber bleiben Sie freundlich und sachlich. Eigentlich ist es doch ein Unding, dass ausgerechnet in einem Nationalpark solch eine Industrielandschaft gebaut werden soll.“

Bis auf den letzten Platz gefüllt

Die Referate wurden häufig von Beifall unterbrochen, und auch die nachfolgende Fragerunde zeigte vor allem Zustimmung. Ein Einwand war zu hören, der die Veranstaltung als polemisch und einseitig bezeichnete. Doch der Kritiker konnte auf eine Veranstaltung am Dienstag, 7. Mai verwiesen werden, die von der Stadt ausgerichtet wird, und auch den Windradbetreiber zu Wort kommen lassen wird.

Nach Ende der rund zweistündigen Veranstaltung blieben noch einige unermüdliche Besucher in der Jugendhalle zurück, um sich den Dokumentarfilm „End of Landschaft – Wie Deutschland das Gesicht verliert“ von Jörg Rehmann anzuschauen.

Kein Zweifel, das Thema Windkraft stößt in Vlatten auf größtes Interesse – über Stunden hinweg. Und da eine Bürgerinitiative auch Geld benötigt, freuten sich die Initiatoren über die stattliche Summe, die am Ende in den Körbchen lag. Erfolgreicher hätte der Auftakt für Vlatten läuft Sturm kaum laufen können. [ush]

Die nächsten Termine:

  • 7. Mai: Infoveranstaltung der Stadt in der Jugendhalle
  • 9. Mai: Sitzung des Stadtentwicklungsausschuss in Heimbach
  • 16. Mai: Abstimmung im Rat der Stadt Heimbach

27.4.2019PolitikHeimbach, Vlatten4 Kommentare Gast Autor

Bisher 4 Kommentare
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  • Bravo, toll gemacht BI.
    Der Buerger muss mitgenommen werden sonst geht es nicht.
    Die Zeiten von Kalkar aehnlichen Projekten sind vorbei – hoffentlich.

    Hasta La Victoria – Siempre

  • Sehr gut, BI. Ich bin gespannt, wann sich die Grünen Oberhäuptlinge hierzu äußern.Sie sind doch sonst fast immer gegen Alles. Außerdem könnte Herr O. Kricher seine Meinung hier in Vlatten sagen und nicht nur im Bundestag seltsame Vorschläge machen. Als EX-Heimbacher wird er doch für sein altes Umfeld sich äußern können.

  • Danke liebe nagelneue BI für die bisherige gute Arbeit! Jetzt heißt es ALLE aus ganz Heimbach und Umgebung mit ins Boot zu nehmen und wirklich Jedem klar zu machen, dass eine Wind-Energie-Industrie in Heimbach-Vlatten dem bisher guten Image des Nationalparks Eifel sehr entgegen stehen würde. Und auch deutlich zu machen, dass Windräder nichts mit einer Energiewende zu tun haben – doch genau das wollen uns einige Politiker und Betreiber bzw. Grundstückseigner solcher Anlagen gerne glauben machen. Nicht mit uns !

  • Die Bodenrichtwerte für Baugrund sind in Vlatten auf 65€/m2 gesunken.
    2018 lagen sie noch bei 70€/m2.
    Ein Schelm wer da an Repowering denkt!

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